Schweiz und Deutschland – doch manchmal nicht so verschieden?

Für die meisten Eidgenossen ist klar, dass es zwischen unserem Land und dem „grossen Kanton“ nur enorm wenige politische und kulturelle Schnittmengen gibt. Beides mitteleuropäische Nationen, teils mit der gleichen Sprachfamilie, das war es dann aber auch, bitteschön. So ganz stimmt das aber tatsächlich nicht.

Die meisten Schweizer dürften schon einmal jenes Schweiz-Klischee vom ebenso klischeehaften deutschen Touristen vor Augen gehabt haben: Die Schweiz, ein Land der Berge, der Schoggi, sauberer Strassen, Banken und des lustigen Akzents – aber ansonsten weitestgehend deckungsgleich mit der Bundesrepublik. Gut, wir sagen Velo, die Fahrrad, aber ansonsten „wie daheeme“. 

Natürlich sind diese Ansichten Klischees. Und man muss kein ausgesprochener Patriot mit Schweizerfahne im Vorgarten sein, um angesichts solcher Klischees – in denen bekanntlich immer ein Stückchen Wahrheit schlummert – etwas ungehalten zu werden. 

Allerdings, so sehr wir eine in sämtlichen Belangen eigenständige Nation sind, sollten wir die Sache mit der Deckungsgleichheit nicht allzu weit von uns werfen. Denn gewisse Schnittmengen zwischen Deutschland und uns gibt es wirklich. 5 Stück haben wir für den folgenden Artikel gesammelt. 

  1. Die Berufsausbildung

Kann ein Schweizer Automechaniker einen Mercedes schneller reparieren? Kann der deutsche Sanitär einen tropfenden Wasserhahn besser abdichten? Generell: Sicherlich nein. Denn was beide Berufe (und noch jede Menge andere, auch jenseits des Handwerks) über die Grenzen eint, ist die Art der Ausbildung. 

Was bei uns die Berufliche Grundbildung ist, die sowohl eine praktische wie theoretische Hälfte beinhaltet, ist bei den Deutschen das Duale Ausbildungssystem

Beides wird bis hinein in viele Details erstaunlich ähnlich gehandhabt.Der einzige Unterschied: Nördlich von uns dauert die Ausbildung in den allermeisten Berufen drei oder dreieinhalb Jahre. Zweijährige Berufe sind selten, vierjährige Grundbildungen unbekannt. 

 

  1. Das Kreditsystem

Das schweizerische Kreditsystem verwandt mit dem deutschen? Wird mancher vielleicht jetzt erstaunt fragen. Die Antwort: Teilweise tatsächlich. Was wirklich deckungsgleich ist, ist nämlich die Art, wie sich deren und unsere Banken vor Zahlungsausfällen von Kreditnehmern schützen. 

Bei uns ist es die ZEK, die Zentralstelle für Kreditinformationen. Die Deutschen haben als nahezu deckungsgleiches Gegenstück die Schufa, die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung

Hinter beidem verbirgt sich ein sehr ähnliches Prinzip: Banken tauschen untereinander Informationen über das Kreditverhalten von Personen und Unternehmen. Ebenso wie die ZEK positive, neutrale und negative Meldungen bei jeder Transaktion, die sie tangiert, abspeichert, arbeitet auch die Schufa – und beide erarbeiten aus den Daten einen persönlichen Score. 

Hinter beidem verbirgt sich ein sehr ähnliches Prinzip: Banken tauschen untereinander Informationen über das Kreditverhalten von Personen und Unternehmen. Ebenso wie die ZEK positive, neutrale und negative Meldungen bei jeder Transaktion, die sie tangiert, abspeichert, arbeitet auch die Schufa – und beide erarbeiten aus den Daten einen persönlichen Score. Wurde die Bonitätsprüfung des Kreditinteressenten durchgeführt, kann der Kredit von der Bank vergeben oder durch Anbieter wie Smava vermittelt werden.

  1. Der Musikgeschmack

Die Schweiz, ein in Sachen Musikgeschmack eigenständiges Land? Leider nein. Zugegeben, wenn in unseren aktuellen Charts ein Luca Hänni ganz oben platziert ist, ist das zwar schon eine ziemlich genuin schweizerische Angelegenheit. 

Aber wenn man den „Zoom“ mal ein wenig nach hinten dreht und das grosse Ganze betrachtet, wird es ziemlich offensichtlich: Wir und Deutschland sind, was die Musikgeschmäcker anbelangt, nicht nur ziemlich, sondern äusserst gleichgepolt. 

Das gilt nicht nur für die aktuell im Mainstream angesagten Stile, sondern zeigt sich umso stärker, je weniger der oder die Musiker für das jeweilige Land stilprägend sind. Werfen wir mal einen kontrollierenden Blick in die offiziellen deutschen Charts. Und siehe da, es sind nicht nur die gleichen Künstler und Lieder vertreten, selbst die Platzierungen sind sich erstaunlich ähnlich. 

Gut, bei uns ist „Old Town Road“ von Lil Nas X derzeit auf dem ersten, in Deutschland auf dem zweiten Platz. Aber es stimmt verblüffend überein. Und viel mehr noch: Auch die Österreicher kommen noch hinzu, sodass man zumindest aus musikindustrieller Sicht von einem Grossraum sprechen kann. 

  1. Die Liebe zum Selbermachen

Ein beliebiger sonniger Samstagvormittag. Man befindet sich auf dem Parkplatz eines Hornbach-Marktes, oder wahlweise eines Bauhauses. Naturgemäss wird besagter Parkplatz ziemlich voll sein, denn Heimwerken, Selbermachen oder DIY ist eine hochbeliebte Freizeitbeschäftigung. 

Nun aber die „Preisfrage“: Auf welcher Seite der Grenze befinden wir uns in diesem Szenario? Die Antwort: Es lässt sich nicht erkennen. Nein, nicht nur weil die beiden besagten Baumarktketten in beiden Ländern operieren. Viel mehr, weil sowohl wir wie die Deutschen einen ausgesprochenen Hang zum Selbermachen haben.  

Zählt man alle zusammen, sowohl diejenigen, die es wöchentlich betreiben wie die, die nur gelegentlich basteln, kommt man bei uns auf Werte über 70 Prozent der Bevölkerung. Ähnlich sieht es nördlich der Grenze aus. Selbst wenn man sich die Umsätze der Selbermachermärkte anschaut und sie auf die Bevölkerungszahlen umrechnet, ergibt sich ein gleiches Bild.

Übrigens: Das gilt nicht nur für das Heimwerken mit Schraubenzieher und Säge, sondern auch für Gartenarbeiten. 

  1. Der Spass am Schiessen

Jetzt schlägt es aber dreizehn? Die Schweiz, das Land mit dem selbst nach der jüngsten Verschärfung nach wie vor liberalsten Waffenrecht Europas soll Gemeinsamkeiten mit Deutschland haben? 

Definitives ja. Bei uns mag zwar der Hintergrund als buchstäblich „wehrhafte“ und deshalb bewaffnete Demokratie ausgeprägter sein. Betrachtet man sich allerdings mal das Wesen der Schützenvereine (und deren Traditionen), die Jagd und auch die Sammelleidenschaft, wird wieder klar, dass räumlich-geographische Nähe manchmal eben auch zu starken kulturellen Gemeinsamkeiten führt. 

Mehr noch, tatsächlich sind die Deutschen uns, was den privaten Waffenbesitz anbelangt, zumindest in der Statistik noch ein wenig voraus. Dort gibt es im Schnitt 32 registrierungspflichtige Schusswaffen pro 100 Einwohner, bei uns sind es „nur“ 24. 

Doch ob nun Sankt Hubertus oder eben Wilhelm Tell, hier wie dort hat es lange Tradition, auf Pappscheibe und Co. anzulegen. 

Fazit

So sehr es sich mancher vielleicht wünschen würde, vollkommen eigenständig ist unsere Schweiz gegenüber den Deutschen nicht. Das muss nicht negativ sein. Viele sehen uns als zwei Geschwister – die haben auch in der Regel so manche Gemeinsamkeit. Ob sie aber in gegenseitiger Zuneigung vereint sind, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt.

 

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