«Der Luzerner Grosse Rat – 1803-2007» – Kollektivbiografie eines kantonalen Parlamentes. Die Luzerner Historikerin Margrit Steinhauser hat die teils turbulente Geschichte des Luzerner Grossen Rates nachgezeichnet. Das soeben erschienene Buch der ehemaligen Parlamentarierin gibt überraschende Einblicke ins Leben und Wirken der Volksvertreter preis.

2582 Grossräte innert 204 Jahren. Das ist in etwa der Rahmen des Buches, in dem Margrit Steinhauser die Geschichte des Luzerner Grossen Rates von seiner Entstehung 1803 bis zur 2007 beschlossenen Namensänderung in «Kantonsrat» erzählt. Herausgeber des 216-seitigen Werkes ist das Staatsarchiv des Kantons Luzern, dies im Auftrag der Luzerner Regierung.

Mit der Meditationsakte von 1803 durch Napoleon wurden in Luzern und der gesamten Eidgenossenschaft die verfassungsmässigen Grundlagen für ein kantonales Parlament geschaffen. «Die Geschichte des Grossen Rates ist also die Geschichte der Institution wie auch die Geschichte seiner Mitglieder», schreibt die Autorin, die selber von 2000 bis 2011 als Gross- und ab 2008 als Kantonsrätin im Rat politisierte. Sie besetzte den Sitz als SP-Politikerin.

Die Publikation basiert auf dem Projekt «Grossratsbiografien», die Margrit Steinhauser im Frühjahr 2010 startete. Ziel war eine vollständige Liste aller Mitglieder des Rates seit seiner Entstehung 1803 bis 2007. Hintergrund dafür bildeten die Kundenbedürfnisse von Forschern und Medienschaffenden, der Politik, jedoch auch von interessierten Luzernern und Luzernerinnen, insbesondere auch von Familienforschern. «Seit kurzem ist das Staatsarchiv Luzern in der Lage, mit der erarbeiteten und laufend aktualisierten Datenbank verschiedenen Kundenwünschen entgegenzukommen», führt sie weiter aus.

Bedingung: Lesen und Schreiben

Der erste Grosse Rat von 1803 zählte 60 Mitglieder. Sie kamen aus den fünf Bezirken Stadt Lucerne, Entlibuch, Willisau, Sursee und Hochdorf. Jeder Bezirk hatte vier Wahlkreise, der Kanton umfasste also 20 Quartiere. Dort war das aktive Wahlrecht an Voraussetzzungen geknüpft: Kantonsbürgerrecht, Wohnsitz im Quartier, unabhängigen Stand, Militärdiensttauglich, mindestens 30-jährig als Unverheirateter oder nicht Verwitweter. Er musste Besitz haben: Grundeigentum oder Schuldforderungen im Wert von 500 Franken. Aufgrund dieser Einschränkungen war nicht einmal die Hälfte der erwachsenen Männer wählbar; explizit ausgeschlossen waren Knechte, Bedienstete, Handwerksgesellen, Angestellte, alle «Verauffallten u. zu einer entbehrenden Strafe verurteilten». 1805 verlangte man über das Gesetz, dass der Wahlberechtigte zudem Lesen und Schreiben konnte, aber dieser Bildungszensus verfing in der Praxis kaum. Klar, dass die Zahl der Wahlberechtigten nur noch knapp halb so hoch war wie 1802 vor der ersten Wahl. Direkt aus den Quartieren in den Rat gewählt werden konnte, wer mindestens 25 Jahre alt war und über Liegenschaften oder Bargeld im Wert von 3000 Franken verfügte, die restlichen 40 Sitze wurden nach einem auch andernorts üblichen Verfahren selber bestimmt oder ausgelost. Und dann gab es noch die Sitz-Garantie auf Lebzeiten, freiwilliger Rücktritt oder Abwahl «Grabeau» geheissen- ausgenommen. Die «Regierung», damals 15 Kleinräte, wie auch die 13 Appellationsrichter wurden von den Räten aus ihrer Mitte bestimmt. Der Wechsel in die Exekutive galt als Aufstieg, da er mit einer klar besseren Besoldung einherging. Zwei Schultheissen -heute Regierungspräsidenten- wechselten sich im Jahresturnus ab.

Machtwechsel von den Liberalen zu den Konservativen -und später umgekehrt-, die Einführung des Proporzwahlsystems um 1911 wie die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 werden gezielt unter die Lupe genommen. Unter dem Thema «Das Milizamt im Wandel» gibt es Einblicke in die verschiedenen beruflichen Tätigkeiten der gewählten Räte und auch ihre Ratsleistungen werden beschrieben.

Chance für Frauen ab 1971

Der Leser erfährt einiges darüber. Etwa über das Jahr 1971, als erstmals acht Frauen in den Rat gewählt wurden. Aber auch, dass von diesem historisch geltenden Ereignis von der konstituierenden Sitzung und der Vereidigung vom 15.  Juni kein einziges Bild existiert. Auf die ersten acht Frauen folgten bis Ende 2007 des 170 Mitglieder zählenden Parlamentes weitere 155 Frauen. Auch ihre Kurzbiografien sind natürlich aufgelistet.

Hervorgehoben wird die erste Frau Grossratspräsidentin, Brigitte Mürner, aus dem ehemaligen Littau. Sie wurde 1985 zur Höchsten Luzernerin gekürt, zwei Jahre später zur ersten von bislang drei Regierungsrätinnen gewählt.

Rolf Willimann

Interessante Lektüre auch für Nicht-Politiker: «Der Luzerner Grosse Rat 1803-2007», die
Kollektivbiografie des kantonalen Parlamentes, beschrieben von Margit Steinhauser. Scan rowi

«Der Luzerner Grosse Rat 1803-2007» gibt es in einer Auflage von 400 Exemplaren. Das Buch ist unter ISBN 978-3-0340-1507-3 zum Preis von 48 Franken im Buchhandel erhältlich. rowi


Aus dem Rontal waren sie ab 1831 mit dabei: Als erster Rat aus dem Rontal wird Mathias Lässer, Gisikon, vermerkt. Der Müller und Bäcker amtete von 1831-1835 und nochmals von 1841-1847. Jost Räber, Ebikon, war von 1831-1847 mit dabei. Er war Landwirt und Beamter. Die gleiche Berufsbezeichnung führte Wendelin Kost, Buchrain, der von 1831-1847 und von 1863-1875 im Grossen Rat sass. Mit dem Richter Josef Scherer, Inwil, kam 1831 der vierte Rontaler ins Parlament. Er blieb dem Rat bis 1847 treu.

Anton Räber, Ebikon, wurde 1877 als erster Rontaler zum Grossratspräsidenten gewählt, fünf Jahre später wurde Alois Räber, Ebikon, diese Ehre zuteil, 1892 bekleidete er dieses hohe Amt nochmals.

Nachdem 1971 die ersten acht Frauen im Rat Einsitz nehmen konnten, wurde 1979 die Musiklehrerin Ursula Weiss, Ebikon, als erste Frau aus dem Rontal in den Rat gewählt. 1983 folgten Marie-Theres Voney, Inwil, Bäuerin und Lehrmeisterin, und im gleichen Jahr Sabine Weissbrot, Udligenswil. Sie war als Sekretärin und Sozialvorsteherin tätig. rowi


Jährliches Treffen der Alt-Grossratspräsidenten 1985 nach der Wahl von Brigitte Mürner zur ersten Frau auf dem Präsidentenstuhl (1986). Mit dabei (hinten, von links): Karl Wick, Josef Egli, Fritz von Goumoëns, Anton Vonwyl, Walter Ackermann, Peer Jäggi Klaus Fellmann und Staatsschreiber Franz Schwegler; (vorne von links): Kaspar Meier, Alfred Vogel, Kurt Stalder, Hans-Ernst Balsiger, Brigitte Mürner, Vorgänger Kaspar Lang aus Buchrain, Hans Hägi, Julius Birrer und Walter Lieb. Scan rowi