Nimm hinweg die Sünde der Welt

Morgen ist Karfreitag. An diesem Tag starb gemäss christlichen Überlieferungen Jesus am Kreuz – und nahm damit die Schuld der Menschen auf sich. Doch woraus besteht diese Schuld? Aus unseren sogenannten «Sünden»? Die ganze Angelegenheit kam mir immer wie eine Fortsetzung der Erziehungsmassnahmen im Elternhaus vor: Gott als Vater, ich als Kind, das ausgeschimpft oder bestraft wird, wenn es etwas «falsch» gemacht hat. Das klang nicht gerade nach dem freien und selbstbestimmten Leben, das ich gerne führen wollte. Im Gegenteil, es weckte geradezu trotzige und rebellische Gefühle in mir. Nun habe ich jedoch kürzlich gelesen, dass «Sünde» in der Bibel ursprünglich auf zwei Arten definiert wurde: Erstens als «Übertretung», zweitens als «Verfehlung eines Ziels». Dadurch erhält der Ausdruck für mich eine völlig neue Note. Er hat nicht mehr zwangsläufig mit Unmündigkeit zu tun, sondern steht dafür, dass ich eine Grenze übertreten habe oder von meinem Weg abgekommen bin. Aber woran merke ich, dass ich gesündigt habe, wenn Gott mir eben nicht mit unüberhörbarer Donnergroll-Stimme die Leviten liest? Vielleicht an dem schalen Gefühl, das immer dann auftaucht, wenn ich gegen meine Prinzipien handle? Oder daran, dass ich immer und immer wieder mit denselben Ereignissen und Gefühlen konfrontiert werde? In der «Bhagavad Gita», einer der wichtigsten heiligen Schriften des Hinduismus, steht: «Wenn man in Übereinstimmung mit dem Gesetz der eigenen Natur handelt, begeht man keine Sünde.» Worin manifestiert sich die eigene Natur? Ich denke beispielsweise in unseren Werten, Herzenswünschen und tiefsten Überzeugungen. Einfach darin, dass wir eins mit uns selber sind. Als kleine Kinder leben wir zwangsläufig nach diesem Gesetz. Doch je älter wir werden, desto mehr müssen wir uns bemühen. Vielleicht sollten wir uns dann an die Worte des Arztes und Philosophen Albert Schweitzer erinnern: «Alles was wir als Sünde erleben ist Mangel an Wahrhaftigkeit oder Mangel an Liebe. Dies sind die zwei Ursünden.» Amen.