Rätselhaftes Glück

«Viel Glück»: In der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist das wohl einer der meist genannten Wünsche. Doch was sagen diese Worte überhaupt aus? Geht es um das Glück im Spiel, in der Liebe oder beim Verfolgen der eigenen Ziele? Um Glücksmomente und Glücksgefühle? Um das Glück gesund zu sein oder darum, dass sich ein lang ersehnter Zustand endlich einstellt? Wenn man im Internet nachschaut findet man unzählige Aphorismen und Sprüche zum Thema «Glück». Der römische Universalgelehrte Terentius Varro fand nicht weniger als 289 Ansichten darüber, was Glück ausmacht. Und ich bin überzeugt, heutzutage lassen sich die Betrachtungsweisen kaum mehr zählen. Viele namhafte Leute haben sich schon mit der Definition von Glück auseinandergesetzt, so auch der niederländische Gelehrte Erasmus von Rotterdam. Dabei fand er für sich folgende Antwort: «Der Kern des Glücks: Der sein zu wollen, der du bist». Was jemand als Glück empfindet ist  jedoch stark abhängig von der eigenen Lebenssituation und dem Blickwinkel. Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane schien nämlich bereits mit weniger zufrieden zu sein: «Gott, was ist Glück! Eine Griesssuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel». Wenn ich in einem Kriegsgebiet lebe, bedeutet Glück für mich wahrscheinlich genügend zu Essen und zu Trinken und in Sicherheit leben zu können. Wenn ich jedoch in der Schweiz lebe, steht für mich vielleicht der Wunsch nach einem passenden Lebenspartner und einem erfüllenden Job im Vordergrund. Wie wahrscheinlich die meisten von uns schon erfahren haben, macht jedoch die Befriedigung eines Bedürfnisses noch nicht automatisch glücklich. Schliesslich kann ich jahrelang der Überzeugung sein, mein grösstes Glück bestehe darin «perfekt» auszusehen oder auf der Karriereleiter bis ganz nach oben zu steigen. Nur um bei Überquerung der Ziellinie festzustellen, dass sich dadurch noch kein dauerhaftes Glücksgefühl einstellt.

Aber möglicherweise soll Glück ja gar kein Dauerzustand sein. Ist es nicht sogar so, dass das Glücksgefühl mit der Gewohnheit abnimmt? Vielleicht sind Glücksmomente eher eine Art Wegweiser oder Inseln, um zur Ruhe zu kommen? Wenn Glück in unserem Leben absolute Mangelware ist, kann es auch sein, dass wir uns selber im Weg stehen. Ich habe mir einmal aus dem Buch «Tausend Tage in Sizilien» von Marlena de Blasi folgende Passage herausgeschrieben: «Allein der Gedanke an Glück jagte mir Angst ein. Zerbrechlich wie eine verwehte Rose. Warum sollte jemand Glück den lang anhaltenden Eigenschaften von Angst und Schmerz vorziehen? Ich habe mich oft gefragt, ob Angst und Schmerz auch absterben würden, wenn ich es nur zuliesse. Wenn ich aufhörte, mich um sie zu kümmern und so viel Wind darum zu machen. Wahrscheinlich werde ich es nie erfahren». Mit dieser Haltung ist die Hauptfigur des Romans keineswegs alleine. Auch Johann Wolfgang von Goethe sagte einst: «Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen». Manchmal ertappe auch ich mich dabei, wie ich mich im Unglück sicherer fühle als im Glück. Wahrscheinlich liegt dem die Einstellung «Wer nichts hat, kann nichts verlieren» zu Grunde. Glück ist flüchtig und lässt sich weder vorhersagen noch festhalten – trotzdem macht es Sinn, sich ihm mutig zu stellen. Denn gemäss den Glücksforschern Anton Bucher und Philipp Mayring hat Glück viele positive Effekte: Es fördert die Gesundheit und die eigenen Fähigkeiten, erleichtert das Lernen, begünstigt Erfolg und beglückende Verhaltensweisen, fördert den Bezug zum Leben und zu den Mitmenschen und hat Auswirkung auf die ganze Persönlichkeit. Da lohnt es sich doch etwas zu investieren. Denn auch wenn man Glück nicht erzwingen kann, kann man doch wenigstens seine Antennen darauf ausrichten und es bewusst wahrzunehmen. Und wenn es uns doch mal zu verlassen scheint, spendet vielleicht Shakespeares Aussage Trost: «Ein tiefer Fall führt oft zu hohem Glück».

 

Ihre LiBella