Von Rissen und dem Licht der Erkenntnis

Es gibt eine Geschichte aus dem Buddhismus, die zusammengefasst wie folgt geht: Eine junge, vom Leben gesegnete Frau, verliert plötzlich ihren Sohn. Diese Erfahrung ist für sie unerträglich und sie wendet sich an Buddha, der den Jungen wieder lebendig machen soll. Dieser verspricht, ihr zu helfen, wenn sie ihm eine Hand voll Senfkörner bringt. Die Senfkörner sollen jedoch aus einem Haus stammen, dessen Bewohner noch keine Erfahrung mit dem Tod gemacht haben. Die Frau macht sich sofort auf die Suche, muss jedoch bald feststellen, dass es dieses Haus nicht gibt. Schliesslich verwandelt sich ihre Trauer in Mitgefühl und sie kann ihren Verlust akzeptieren. Mitgefühl und Selbstmitgefühl können erwiesenermassen helfen, schwierige Erlebnisse zu verarbeiten. Viele Menschen neigen jedoch dazu, ihr Leiden von allem abzukoppeln und sich somit in die Einsamkeit zu katapultieren. Gedanken wie «niemand kann nachvollziehen wie es mir geht» oder «immer trifft es mich» verstärken die negativen Gefühle noch. Denn in Wahrheit leiden in genau diesem Moment Millionen von Menschen «mit einem». Sie werden verlassen, verlieren geliebte Menschen, leiden an psychischen und physischen Krankheiten, sehen sich mit Ungerechtigkeiten oder gar Krieg konfrontiert. Leiden gehört zum Leben. Das zu erkennen kann helfen, sich mit dem grossen Ganzen verbunden zu fühlen. In «Anthem», einem Lied des kürzlich verstorbenen Sängers Leonard Cohen, heisst es: «There’s a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in». Es gibt also einen Riss in Allem, doch durch diesen Riss dringt das Licht herein. Vielleicht ist es ja das Licht der Erkenntnis? Denn ohne die Erfahrung von Versehrtheit würden wir den Zustand der Unversehrtheit gar nicht erkennen. Den Zustand der Gesundheit können wir nur als Solchen definieren, wenn wir wissen wie sich Krankheit anfühlt. Vielleicht macht es uns dieser Gedanke etwas leichter, uns negativen Erfahrungen gegenüber zu öffnen?