«Anbetung der heiligen drei Könige», Andrea Mantegna (1431 – 1506). Bildmanipulation Lars de Groot

Treue ist heute eine unterschätzte, manchmal sogar belächelte Tugend in unserer Welt der Werte – in der es vor allem um die «Wertschöpfung» geht. Dem kleinen Wort Treue widmen wir einige Gedanken zum neuen Jahr – auch für unsere treue Leserschaft.

er. Seit nunmehr schon sieben Jahren berichten wir mit Gedanken zum neuen Jahr über menschliche Tugenden, mit denen wir unser Leben und unsere Gesellschaft bereichern und verbessern können – und sollten. Es soll dies keine Anleitung zur Umsetzung guter Vorsätze sein, und auch kein Plädoyer zur «moralischen Aufrüstung». Viel wird «palavert» über Werte statt über menschliche Tugenden, die doch Voraussetzung für alles sind, was wichtig und wertvoll ist. Womit wir in der riesigen Auswahl an «Werten» doch gerade zum Beginn eines neuen Jahres wieder einmal für uns und unsere Mitwelt Fragen stellen sollten, wie «Was ist wichtig? Was ist mir wertvoll? Worauf setze ich also Glaube, Hoffnung, Liebe – Treue und Vertrauen?» So zeigt die zu den drei «Kardinalstugenden» zugefügte «Treue», dass sich diese und alle andern Tugenden gegenseitig bedingen oder hervorbringen – dass die Treue die andern zusammenfügt, betreut und Vertrauen schafft. Beim französischen Philosophen André Comte-Sponville (geb. 1955) steht in seiner Liste der 18 Tugenden und Werte die Treue an zweiter Stelle – nach der Höflichkeit.

Dicke Freunde

Zwar kennt der Mensch – und nicht nur dieser – seit Urzeiten die Treue, die sich in Sprachen, Wortwahl und Bedeutung immer wieder wandelte. Treue war schon bei den Kelten, Chinesen, Griechen und Römern ein gewichtiges Wort, sowohl in der Philosophie wie in der Rechtssprache. «Das Eisen schützt den Regenten», sprach Nero. «Noch mehr aber», erwiderte Seneca, «die Treue». Das Wort Treue geht auf die indogermanische Wortgruppe «deru» für Eiche oder Baum, und auf «drüitas» zurück. Treu hiess also stark, fest, dick wie ein Baum. Und man staune: das indogermanische Wort drüitas gibt es noch – leider selten – im Luzerner Dialekt als «trüeije» für zunehmen, Fett ansetzen. Das tönt doch höflicher als dick werden. Dafür passt das Urwort gut zu einer «dicken Freundschaft».

Nach Treu und Glauben

Die heutige Form geht auf mittelhochdeutsch zurück mit «triuwe» für Treue, treu, ehrlich, echt, dann zu «getriuwe» für getreu, weiter fortgesetzt mit «betruwen», in Treue erhalten, auch bei uns ein Begriff in der Rechtssprache. So entstand der Treuhänder, welcher Anvertrautes in «treuen Händen» verwalten und beschützen sollte. Was nun eher ein Geschäft als eine Tugend wurde. Da lag auch die Vorstellung von «Treu und Glauben» nicht mehr fern. Und diese spielt in der Schweizer Rechtsordnung bis heute eine bedeutende Rolle. In der Bundesverfassung definiert der Artikel 5 «Grundsätze rechtsstaatlichen Handelns» Treu und Glauben als hohes Rechtsgut. Und man staune: Dieser Artikel steht noch vor den Grundrechten. Und Artikel 2 Abs. 1 unseres Zivilgesetzbuches lautet: «Jedermann hat in der Ausübung seiner Rechte und in der Erfüllung seiner Pflichten nach Treu und Glauben zu handeln.» Treu und Glauben ist aber ein Geben und Nehmen, das gegenseitiges Vertrauen voraussetzt. Und daran hapert es in unserer Zeit. In Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und in Partnerschaften. Vertrauen ist immer weniger eine Sache der Treue als des «Trauens». Wer treu sein will – auch sich selbst – braucht also Mut und noch einige andere Tugenden. Wer Treu und Glauben verloren hat, der hat nichts mehr zu verlieren – «bi Treu und Säligkeit»!

Drum prüfe wer sich traut

In den Wortstamm von «triuwe» für Treue und Vertrauen gehört eben auch «trüwen» für trauen, einerseits für mutiges Handeln und andererseits für trauen, von ursprünglich «fest werden, verbinden, zusammenfügen, anvertrauen». Seit dem 13. Jahrhundert bedeutet das Verb auch «ehelich verbinden», ursprünglich «dem Manne zur Frau geben». Zum Vertrauen kam auch Zutrauen, vom Versprechen der Treue bis zum trauten Heim. Trauung und Eheschliessung wurde aber von «bis dass der Tod euch scheidet» zunehmend zu einem Vertragswerk, dessen Zerbrechlichkeit am Scheitern der Treue sich in den vielen Scheidungen und Trennungen manifestiert. Doch die Treue ist das, wodurch und weswegen es Werte und Tugenden gibt. Getraute Treue sei die Beste, sagen die einen, Treue findet man in Hundehütte und Pferdestall, meinen die andern. Die Araber sagen: «Die Dattel der Treue wächst nur an der Palme des Vertrauens.»

Dank für das Vertrauen

Für Treue sollte man auch danken. Etwa für die Freude der Treue zu sich selbst. Oder den getreuen Helferinnen und Aktiven in den Vereinen, den Freunden für treue Kameradschaft oder auch den treuen Kunden. Wir danken der treuen «Rontaler»-Leserschaft. Mögen möglichst viele mit Vertrauen in die Zukunft schauen.