Der «Aschermittwoch-Blues» danach

Am Güdisdienstag ab Mitternacht weicht das karnevalistische Weltempfinden bei echten Fasnächtlern einer etwas melancholischen Endzeitstimmung. Gesichter ohne Masken und verstummte Ventile lassen den «Aschermittwoch-Blues» spüren. Aber tapfere Traditionalisten blicken mit Asche auf dem erhobenen Haupt in die Narrenzukunft.

er. Am Güdisdienstag gehen bei uns mit der «Uslumpete» und «Ustrinkete» die «tollsten Tage des Jahres» ihrem Abschluss entgegen. Zum Wort «Uslumpete» wäre noch zu erforschen, ob man die Fasnachts-Lumpen austrägt, ob man Narren die sich wie ein Lump gebärdet haben nach Hause schickt, oder ob sich derWirt nicht «lumpen» lässt, damit Fasnächtler nicht «verlumpen». Das Wort «Güdis» soll ja auch «Magen» oder «Ranzen» bedeuten, wohl mit dem Hinweis, dass seit dem Schmutzigen «fetten» Donnerstag nach dem Motto «Festen vor dem Fasten» kirchlich genehmigt üppig gegessen und getrunken wurde, um für die Fastenzeit «Kraft-Reserven» anzulegen. Das würdigte auch die weltliche Obrigkeit am Sonntag mit der Herrenfasnacht, vom katholischen Klerus auch als Quinquagesima (noch etwa 50 Tage bis Ostern) und «Esto mihi» zelebriert, mit dem Hilferuf: «Esto mihi in Deum protectorem, et in locumrefugii, ut salvumme facias – Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet» (Ps 31,3 EU.). Wenn das keine Vorahnung darauf ist, dass spätesterns am Dienstag der «Güdisranzen» das Anziehen neuer Lumpen erforderte.
Weitere Vorahnungen ergaben sich auch mit der fortschreitenden «Kultivierung» der Fasnacht, vor allem darüber, dass sie ein Anfang und ein Ende hat – wie unser Leben auch. Während sich die Innerschweizer noch mit «Söiblootere» herumbalgten, thematisierten dies unsere nördlichen Fasnachtsbrüder bereits in Karnevals-Liedern. Das berühmteste komponierte der Kölner Jupp Schmitz 1950 mit dem Refrain
«Am Aschermittwoch
ist alles vorbei,
die Schwüre von Treue
sie brechen entzwei
Von all deinen Küssen
darf ich nichts mehr wissen
Wie schön es auch sei
dann ist alles vorbei.»

Auf den übrigen Text verzichten wir hier – da nicht jugendfrei – und weil er zeigt, was gemäss oben zitiertem Psalm noch alles zu retten war.
Jupp Schmitz unterstützt die wissenschaftlich nicht belegte Meinung, man werde zum Fasnächtler geboren – um einen Zacken mehr. Er wurde nämlich am 15. Februar 1901 geboren – einen Tag vor dem Schmutzigen Donnerstag. Und auf seinem Grabstein steht «Am Aschermittwoch ist alles vorbei».
Eigentlich ist die Nacht vor Aschermittwoch im wörtlichen Sinn die Fastnacht, die Nacht vor der Fastenzeit, die Martin Luther satirisch «Marterwochen» nannte. Um Mitternacht wird mit dem zwölften Glockenschlag das Ende der Fasnacht aus- und das Fasten eingeläutet. Der schier schockartige Abbruch vom Festen versetzt das nächtlich ausklingende Treiben in eine fast groteske Melancholie. Das Entfernen der Maske der unbeschwerten Ausgelassenheit und das Aufsetzen der echten Alltags-Maske stimmt verständlicherweise sogar etwas traurig. Wir meinen «We got the blues» – der mit zwölf Takten den zwölf Glockenschlägen als Aschermittwoch-Blues folgt. Dieses «Feeling» liegt zwischen blau und traurig – und dafür gibt es bei Fasnächtlern als Ursache eine durchaus grössere Auswahl an Möglichkeiten.
Dabei steht die Asche als Symbol des Aschermittwoch eigentlich für einen Neubeginn – der jedem Ende folgt. Schliesslich ist doch wieder einmal zu bedenken, dass die Fastenzeit und damit deren Beginn am Aschermittwoch einerseits bereits im 7. Jahrhundert angesetzt, die Vorfastenzeit und Fasnacht begründet hat und mit 40 Tagen vor Ostern (ohne fastenfreie Sonntage) auf den höchsten katholischen Feiertag ausgerichtet ist. In solchem Zeitbegriff ist unsere Fasnacht ja noch sehr jung. Zudem gibt es seit dem 11. Jahrhundert am Aschermittwoch den Brauch und die Segnung, den Gläubigen Asche aufs Haupt zu streuen oder ein Aschenkreuz auf die Stirn zu zeichnen. Traditionell wird dazu die Asche aus den verbrannten Palmwedeln des Vorjahres mit Weihwasser vermischt. Dabei steht die Asche seit den Zeiten des Alten Testaments für Trauer, Busse und Vergänglichkeit und der Spender spricht getreu der Bibel: «Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst » (Gen 3,19 EU) (bzw. lateinisch: «Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris».
Da soll noch jemand behaupten, die Fas(t)nacht sei aus heidnischem Brauchtum entstanden!

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